27.04.2013: Kultursalon – die Idee

2013 wurde in Lippstadt eine Kulturentwicklungsplanung (KEP) durchgeführt.

Nachdem es bei der SWOT-Analyse im Februar um das Aufzeigen von Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken des Lippstädter Kulturlebens ging, folgte am 27.  April 2013 die Visionskonferenz. „Wo wollen wir hin?“, lautete die übergeordnete Frage. „Was wollen wir erreichen?“ Um in die Diskussion über die Ziele der KEP besser einsteigen zu können, waren im Vorfeld der Visionskonferenz fünf Kulturinteressierte gebeten worden, ein Impulsreferat über ihre Wünsche, ihre Ziele und ihre Visionen zu halten. Eine von ihnen bin ich.

Rose is a rose is a rose is a rose – Sacred Emily, Gertrude Stein

Guten Morgen!

Als ich mich auf die Suche nach einer Vision gemacht habe, um sie Ihnen heute vorzustellen, machte ich mir als erstes bewusst, dass ich ja weder Fritz Lang noch George Orwell bin. Sie kennen den Film Metropolis und den Roman 1984. Beide werfen einen visionären Blick in die Zukunft. Aber woher eine Vision nehmen? Das ist gar nicht so einfach, musste ich feststellen.

Als Autorin stellte ich mir die Frage, ob es in der Literaturgeschichte Beispiele für etwas „Kulturförderndes“ gibt und erinnerte mich an die Schriftstellerinnen der Romantik: Soziologisch begründet trafen sich im späten 18. Jahrhundert in Berliner Salons zumeist Damen aus gutem Hause, um sich in erster Linie beim Schreiben zu unterstützen. Gute 100 Jahre später war das Spektrum schon viel breiter geworden: In Paris gab es den Salon der Gertrude Stein; bei ihr trafen sich Frauen und Männer, deren Fokus nicht mehr nur auf die Schriftstellerei gerichtet war, sondern deren Begeisterung auch der Malerei und anderen Künsten galt.

Nun ist Lippstadt keine Metropole wie Berlin und Paris, sondern ist als sogenannte Mittelstadt im ländlichen Raum als Pilotkommune an den Start gegangen. Eben keine Großstadt, und das ist auch gut so, denn alles in allem ist Lippstadt überschaubar. Etwas über 70.000 Einwohner. Da könnte man meinen, die kulturschaffenden Akteure kennen sich untereinander. Oder zumindest die, die vergleichbares machen: die Autoren kennen sich, die Maler kennen sich, die Musiker kennen sich und so weiter. Doch dem ist nicht so!

Als ich gestern vor einer Woche auf der Westfälischen Kulturkonferenz in Emsdetten war, hörte ich, dass es in allen teilnehmenden Städten so ist, dass sich die Kulturschaffenden untereinander kaum oder gar nicht kennen. Überall sei der Wunsch nach besserer Vernetzung aufgekommen. So war es ja auch hier in Lippstadt. Sie erinnern sich bestimmt: Im Februar, bei der Stärken-Schwächen-Analyse, war in allen oder fast allen Gruppen der Wunsch formuliert worden, sich zu vernetzen. Schnell kommt der Gedanke eines virtuellen Netzwerkes, in das jeder seine Daten und Angebote einträgt. Interessierte geben dann: ‚Suche Schlagzeuger‘, ‚suche dies‘ oder ‚suche das‘ ein. Eine prima Möglichkeit, die auch – soweit ich weiß – für Lippstadt in Arbeit ist. Die Menschen müssen allerdings ganz genau wissen, was sie suchen, dann werden sie es künftig auch finden. Aber was ist, wenn man gar nichts sucht und trotzdem etwas finden möchte? Ein solches Phänomen gibt es nur im echten Leben!

Denn der virtuelle Raum, die sozialen Netzwerke, die Datenbanken im Internet sollten immer nur die reale Welt ergänzen und auf gar keinen Fall ersetzen. Deswegen ist es wichtig, dass im echten Lippstadt alle kulturschaffenden Akteure, Kulturinteressierte und auch Vertreter aus Wirtschaft und Politik nicht nur während dieser Kulturentwicklungsplanung zusammenkommen, sondern auch noch danach.

Ich möchte Ihnen in Anlehnung an die Salonkultur vergangener Jahrhunderte einen Kultursalon als durchaus realisierbaren Wunsch – statt einer fernen Vision – vorstellen. Einen Lippstädter Kultursalon:

Als Veranstaltung gedacht, treffen sich einmal im Jahr Kulturschaffende, Kulturinteressierte und Vertreter aus Politik und Wirtschaft, ähnlich wie jetzt auch. Sie werden – je nach dem, um was es konkret geht, in mehreren kleinen Gruppen oder auch in der großen Runde – über das vergangene Jahr beraten, ob die im Rahmen der KEP eingeführten Neuerungen und Veränderungen tatsächlich so gut sind, wie erhofft oder ob evaluiert werden muss. Alle Teilnehmenden werden im Blick haben, ob eine Idee vielleicht doch eine Nummer zu groß für Lippstadt ist – denn da sollten wir alle immer ehrlich sein: Lippstadt ist und wird keine Metropole und braucht deswegen auch kein großstädtisches Kulturleben. Wir werden schauen, ob neue Ideen oder Wünsche entstanden sind, ob diese umgesetzt werden sollen und ob diese umgesetzt werden können. Auch die Verteilung der Gelder wird so transparent wie möglich dargelegt. Einerseits werden keine Gelder vergeben, einfach weil es schon immer so war, andererseits wird nicht jährlich die Finanzierung von etwas in Frage gestellt. Jeder braucht Planungssicherheit. Darüber hinaus werden nicht nur die großen, sondern auch und vor allem die kleinen Fische gefüttert. Dazu wird es notwendig, diese an die Hand zu nehmen und zu zeigen, wie es geht. Über all das wird während des jährlichen Lippstädter Kultursalon gesprochen, diskutiert und beraten.

In einem zweiten Teil der Veranstaltung werden sich die Teilnehmer untereinander kennenzulernen. Sie kommen bei einer Tasse Kaffee miteinander ins Gespräch, und es entstehen wieder neue Ideen: Eine Kooperation von zwei Künstlern oder zwei verschiedenen Sparten, die immer gedacht haben, das passt ja gar nicht zusammen. Die Teilnehmer tauschen Informationen aus, geben sich Tipps, sie unterstützen sich gegenseitig – ja, sie lernen auch voneinander!

Das theoretische Modell, das sich dahinter verbirgt, wird Community of practice genannt. Schaut man bei Wikipedia nach, liest man Folgendes: „Die intensive Kommunikation und das gemeinsame Interesse können die Entstehung eines identitätsstiftenden Beziehungsgeflechts einer sozialen Identität fördern.“

Mit anderen Worten: Ein Wir-Gefühl wird erzeugt. Auf der Konferenz in Emsdetten letzte Woche, hielt jemand einen Vortrag, indem er u. a. verdeutlichte, warum sich die Menschen und somit deren Kultur und deren Vorstellung von Kultur verändern: bis in die 1970er Jahre hätte der Mensch konform sein müssen. Er sei ein kleines Rädchen im System gewesen, dann habe sich langsam ein Wandel vollzogen: Das eigene Ich sei von wachsende Bedeutung gewesen. Selbstbestimmung, Selbstfindung, Selbsterfindung, Selbstverwirklichung sind Begriffe, die wir alle kennen. Ich bin überzeugt, dass man noch einen Schritt weiter gehen muss: Heute ist die Tendenz vom Ich zum Wir. Dieses Wir setzt sich aber nicht aus konformen Menschen zusammen, sondern dieses Wir besteht aus selbstbewussten Individuen.

Genau das braucht unsere Stadt: Authentische Menschen, die genau wissen, was sie wollen, die sich in einem Lippstädter Kultursalon treffen, sich kennenlernen und austauschen und so zu einem Wir werden. Im Sinne von: Wir sind Lippstadt! Keine Konkurrenz, sondern Kooperationen. Das ist für alle positiv: Denn wer oder was ist schon Lippstadt, wenn nicht die Menschen selbst? – Die Kulturschaffenden und -interessierten sind ein großer starker Teil davon.

Kurz: Ich wünsche mir in, für und von Lippstadt einen Kultursalon, zu dem alle gerne kommen – es hilft nicht, wenn er von einer Seite angeboten und von der anderen nicht angenommen wird. Einen Kultursalon aus dem tolle Projekte und eine vermehrte Wertschätzung der Kultur hervorgehen!

 

DANKE!

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